Das Findability-Zeitalter

The Age of Findability
Peter Morville, 29. April 2002
Übersetzer: Jochen Fassbender 09. Januar 2004

Der 3rd Annual Information Architecture Summit in Baltimore war der Grund für meinen ersten Aufenthalt im neuen, hochmodernen Terminal des Detroit Metropolitan Airport.

Vielleicht hätte ich mich freuen sollen, als ich mich dem Flughafen an einem kalten März-Morgen näherte. Schließlich wurde der 1,2-Milliarden-Dollar teure Northwest World Gateway als der Terminal der Zukunft angekündigt. Laut Northwest Airlines war ich im Begriff, „eine der großartigsten Reiseerfahrungen der Welt“ zu erleben.

In Wirklichkeit fühlte ich eine Beklommenheit. Ich war spät dran, was meinen Flug betrifft, und benötigte dringend eine Toilette sowie eine Tasse Kaffee in genau dieser Reihenfolge. Was ich gar nicht benötigte, war die Schwierigkeit, meinen Weg innerhalb eines neuen Flughafens zu finden.

Nachdem ich „den größten einzelnen, jemals gebauten Parking-Komplex“ dreimal auf der Suche nach einem Langzeitparkplatz umfahren habe, konnte ich schließlich nicht mehr und fragte jemand vom Sicherheitspersonal, der mir sagte, dass die Schilder für das internationale Parken zu den Langzeitparkplätzen führen. Ja natürlich!

Mehrere Höllenkreise weiter, soeben von der Sicherheitskontrolle und einer Leibesvisitation kommend, tauchte ich im beeindruckenden Zentrum der Halle A auf. Steil gewölbte Decken ragten hoch auf. Luxus-Geschäfte säumten die Halle. Direkt vor mir verschoss ein elliptischer Springbrunnen aus schwarzem Granit choreographierte, beleuchtete Fontänen, die „die durch weltweites Reisen entstehenden Verbindungen repräsentieren.“

Was ich unglücklicherweise nicht finden konnte, war ein Schild, das auf eine der 475 öffentlichen Toiletten innerhalb dieses 200.000 Quadratmeter großen Komplexes hinwies. Um eine lange und unangenehme Geschichte kurz zu machen: Ich befand mich in 10.000 Meter Höhe, bevor ich endlich meine Tasse Kaffee bekam.

Nenne das Problem beim Namen

Jakob Nielsen könnte sagen, dass dieser Flughafen Usability-Probleme hat. Führen Sie eine heuristische Evaluation und ein paar Benutzer-Tests durch, bringen Sie die schlimmsten Fehler in Ordnung, und Sie befinden sich auf dem richtigen Weg. Das ist das Tolle an der Usability. Sie ist auf alles anwendbar. Websites, Software, Kameras, Angelruten und Flughäfen. Es ist ein wahnsinnig einflussreiches Wort.

Lou Rosenfeld könnte sagen, dass dieser Flughafen Informationsarchitektur-Probleme hat. Aber wahrscheinlich würde er es nicht sagen. Während Landkarten und Hinweisschilder klar zum Bereich der Informationsarchitektur gehören, liegt es fern, die Bauweise von Flughäfen oder das Bitten um Feedback von frustrierten Reisenden einzubeziehen. Ob Sie wollen oder nicht, Informationsarchitektur hat seine Grenzen. Unglücklicherweise ist unsere klobige Doppelwort-Bezeichnung nicht so flexibel wie Jakobs Bezeichnung.

Deshalb sage ich, dass dieser Flughafen Findability-Probleme hat. Die Schwierigkeit, meinen Weg zu finden, dominierte alle anderen Aspekte dieses Erlebnisses. Findability ist, genau wie Usability, in breitem Maße auf alle Arten von physikalischen und virtuellen Welten anwendbar. Und, vielleicht am wichtigsten, es ist nur ein Wort!

Posthum(orig)e Selbst-Definition

Mit Argus Associates bauten wir eine Consulting-Firma auf, die sich auf „Informationsarchitektur“ spezialisierte, und wir schrieben ein Buch, um das Thema zu erklären und zu analysieren.

Im vergangenen Jahr wurde unsere Firma posthum(orig) beschuldigt, „Content IA“ zu praktizieren, eine abschätzige Bemerkung, die mich stört.

Es ist absolut wahr, dass wir Argonauten die Stärken und Vorlieben der Bibliothekswissenschaft auf den IA-Tisch legten. Und wir haben uns sicherlich mehr darauf konzentriert, Sites mit enorm umfangreichem Content zu strukturieren als aufgaben- und verarbeitungsorientierte Abläufe für Online-Applikationen zu entwerfen.

Dieser Schwerpunkt deutete jedoch nicht auf eine Liebe zum Content hin, sondern auf eine Begeisterung, Systeme zu entwerfen, die den Leuten helfen, das zu finden, was sie suchen.

Unglücklicherweise konnten wir diese Begeisterung nach außen hin nicht zu sehr kundtun, weil die meisten Kunden in den 90er Jahren keine „Findability“ kauften.

Am Anfang achtete man nur auf Graphiken und Programmierung. Erinnern Sie sich an die frühen Zeiten von Websites im Stil von Hochglanz-Prospekten und hyperaktiven Java-Applikationen? Später dann fragte man nach Usability, Skalierbarkeit und Handhabbarkeit. Man hatte den Schmerz gespürt, aber noch nicht genügend.

Um eine große Sache anzubieten, verkauften wir „Informationsarchitektur“, die wir in einem delikaten Balanceakt zwischen Kundennotwendigkeiten und -wünschen durchführten. Aber die ganze Zeit über behielten wir unsere tiefe Überzeugung im Auge, dass, über lange Sicht gesehen, der wichtigste und anspruchsvollste Aspekt unserer Arbeit derjenige ist, der es den Leuten gestattet, Dinge zu finden.

Wenn Sie also den Informationsarchitektur-Markennamen von Argus bezeichnen wollen, dann schlage ich bescheiden vor, dass Sie es statt Argus IA oder Content IA oder Polar Bear IA doch Findability IA nennen. Oder als etwas anderes!

Richtungspfeile über Schubladen

[Arrows over Boxes – eine Anspielung auf Boxes and Arrows]

Erwartungsgemäß habe ich stets Versuchen widerstanden, Informationsarchitektur kanonisch zu definieren. In einer entstehenden Disziplin ist das verfrühte Festlegen ihrer Identität auf eine Schublade, oder sollte ich etwa Sarg sagen, das Letzte, was man will.

Die Informationsarchitektur hat jedoch eine neue Entwicklungsphase der Reife erreicht. Die IA-Rollenverteilungen und -Verantwortlichkeiten werden beständiger. Die IA-Community nimmt Gestalt an. Während wir Insider über Einzelheiten diskutieren, ist eine De-facto-Definition der Informationsarchitektur entstanden, die zudem einen kritischen Umfang erreicht hat. Es gibt keinen Weg zurück.

Auf der einen Seite ist das echt spannend. Für viele von uns, die in den frühen 90er Jahren zurückgezogen arbeiteten, ist dies eine Bestätigung dafür, dass unsere Vision von der Zukunft nicht völlig verrückt war.

Aber es ist auch beängstigend. Mit der Reife kommt auch die Striktheit. Wir finden uns in unserer eigenen Schublade in der Falle sitzend wieder. Und die Richtungspfeile, die uns mit verwandten Disziplinen und Herausforderungen verbinden, schauen sehr verlockend aus.

Überhaupt ist es schon ganz schön schwierig zu argumentieren, dass Content Management und Knowledge Management und Social Computing und Participation Economics alles Komponenten unter dem großen Dach der Informationsarchitektur sind. Das IA-Gebäude ist einfach nicht so groß.

Und dennoch sind wir Informationsarchitekten von diesen Themen fasziniert. Wir sehnen uns danach, aus unseren Schubladen auszubrechen und den Richtungspfeilen zu folgen.

Aus meiner Sicht bringt Findability diese Freiheit. Sie ersetzt nicht die Informationsarchitektur. Und sie ist wirklich keine Schule oder kein Markenname von Informationsarchitektur. Bei Findability geht es darum, zu erkennen, dass wir in einer multidimensionalen Welt leben und uns daraufhin für eine Erkundung über die traditionellen Grenzen hinweg entscheiden.

Illustration: The Many
Facets of Findability

Findability ist nicht auf Content beschränkt. Sie ist auch nicht auf das Web beschränkt. Bei Findability geht es um das Planen von Systemen, die den Menschen helfen, das zu finden, was sie brauchen.

Das kommende Zeitalter der Findability

Selbst in der kleinen Welt des User-Experience-Designs bekommt Findability nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Interaction-Design ist attraktiver. Usability ist offensichtlicher.

Und dennoch, Findability wird letztendlich als die zentrale und sich klar abzeichnende Herausforderung für die Entwicklung von Websites, Intranets, Knowledge Management-Systemen und Online-Communitys anerkannt werden.

Weshalb? Weil die wachsende Größe und Bedeutung unserer Systeme einen gewaltigen Druck auf die Findability ausüben. Wie Lou postuliert hat: „Trotz dieses Wachstums verändern sich die Usability- und Interaction Design-Probleme nicht viel … (aber) Informationsarchitektur wird immer anspruchsvoller.“

Für diese kühne Behauptung gibt es reichlich Anhaltspunkte. Unternehmen bringen es einfach nicht, was Findability angeht. Eine z.B. vor kurzem von Vividence Research durchgeführte Untersuchung fand schlecht strukturierte Suchresultate und schlecht entworfene Informationsarchitektur als die zwei häufigsten und ernsthaftesten Usability-Probleme heraus.

Dies stimmt mit meinen Interview-Erfahrungen mit Usern von Websites und Intranets großer Konzerne überein. Einige dieser armen Leute fangen fast an zu weinen, wenn sie über ihre Frustrationen erzählen, dasjenige versuchen zu finden, was sie in diesen enormen Informationsansammlungen benötigen.

Beim IA Summit stimmte auch Usability-Experte Steve Krug dieser kühnen Behauptung zu, wobei er anmerkte, dass sein Firmenmotto nicht die Herausforderungen von Informationsarchitekten umfasst. Das Planen für Findability ist ein Spezialgebiet innovativster und anspruchsvollster Art für sich!

In den kommenden Jahren wird unsere Arbeit noch schwieriger werden. Aber das ist gut so. Denken Sie über die folgende Passage aus einem faszinierenden Artikel nach, geschrieben vom Business-Strategie-Guru Michael Porter:

Die Unternehmen sollten damit aufhören, immer sofort fertige Applikationspakete zu übernehmen, und stattdessen ihren Einsatz von Internet-Technologien auf ihre besonderen Stärken hin ausrichten … Gerade die Schwierigkeit dieser Aufgabe trägt zur Aufrechterhaltung der resultierenden Wettbewerbsvorteile bei.

Der letzte Satz bezieht sich direkt auf die Arbeit, die wir machen. Wir alle haben eine Menge schwieriger und wichtiger Arbeit vor uns. Es wird in unserer Zukunft enorm viel Findability geben.

Wohin geht es von hier weiter?

Ich schrieb diesen Artikel, um Findability sowohl als Wort als auch als Konzept zu untersuchen. Ich bin sehr an Ihren Reaktionen interessiert. Trifft Findability den richtigen Ton? Sind Sie von der Planung auffindbarer Objekte fasziniert? Sind Sie bereit, ein Findability-Spezialist zu werden? Oder regt Sie dieses Pseudo-Wort auf? Ist Findability überbewertet? Bevorzugen Sie eine Zukunft mit teuren, wunderschönen Flughäfen, in denen man jegliche Orientierung verliert?

Es gibt eine tolle Diskussion bei Boxes and Arrows. Was ist Ihre Meinung?

WolfNoeding — 11.01.04 18:49